1999 – 2000 Auf der Flucht

da sind wir dann also mit sack und pack in das blockhaus unserer buchhalterin geflüchtet, das in einem ausgedehnten föhrenwald, ca. 50 km südlich von warschau liegt.du wirst dich fragen, warum diese flucht bei nacht und nebel? na ja dazu muß man die zustände, die damals noch in polen herrschten, kennen. wennst da dem vermieter die miete schuldig warst, konnte der dich rausschmeissen und all deine sachen als pfand behalten. das war damals (ich weiß nicht wie´s heute ist) ganz normal und wurde üblicherweise mit hilfe von ein paar kräftigen herren durchgesetzt.

wir waren unserem vermieter vier monatsmieten schuldig und hatten ihn, im guten glauben, immer wieder vertröstet. als dann die letzte hoffnung geschwunden war, mußten wir schnell weg. mir gings dabei vor allem um den computer, in dem ja alle kundendaten gespeichert hatten und der auch sonst unentbehrlich war, wollten wir auch nur im entferntesten irgendeine geschäftliche zukunft in polen haben und an die glaubte ich zu diesem zeitpunkt noch.

bevor du zuviel mitleid mit unserem rechtschaffenen vermieter hast, dem haben wir durch fünf jahre monatlich den gegenwert des zehnfachen monatsgehaltes z.b. meines schwiegervaters, als miete bezahlt. versteht sich von selbst, daß er nur ein zehntel davon dem finanzamt angegeben hat. der gute mann, ein strammer katholik, is eh klar, hat uns dann noch einen racheakt gesetzt, der uns über jahre hin noch viel stress bringen sollte.

Waldweg zum Blockhaus

ich war zu diesem zeitpunkt (ende september 1999) völlig von der rolle, wußte nicht ein noch aus, hatte aber immer noch die hoffnung irgendwie noch weiter in polen existieren zu können. deswegen mußten wir irgendwie mit unserem zeug weiterexistieren.

das blockhaus liegt auf einer gößeren lichtung in einem riesigen waldgebiet. ungefähr hundert meter entfernt liegt ein bauernhof, der von frau longina ganz allein bewirtschaftet wird. bei ihr hatten wir auch in der scheune unsere möbeln abgestellt. sonst waren rundherum so an die dreißig wochenendhäuser, die um die zeit nur mehr sehr spärlich bewohnt waren. unter der woche waren wir, abgesehen von longina, mutterseelenalleine. das war für mich die absolut ruhigste gegend, die ich je erlebt hatte.

das haus war recht komfortabel, ca. 100 qm wohnfläche, unten wohnzimmer mit offenen kamin, küche, badezimmer, oben zwei schlafzimmer, wovon ich gleich eins für mich als arbeitszimmer beschlagnahmte.

drei kleine mängel hatte das haus jedoch, da war einmal die heizung, die über einen offenen kamin funktionierte, dann das fehlen eines telefones und vor allem die abgeschiedene lage.

wow, ein offener kamin, super, romantisch! ja schon, aber die praktische seite war weniger romantisch. so ein kamin brennt nicht von selbst und ewig, wie jede x-beliebige zentralheizung und es braucht auch seine zeit bis das holz brennt, das raucht auch manchmal und es braucht seine zeit bis es (mäßig) wärmt. das brennholz war ca. hundert meter von der hütte gelagert und mußte zerkleinert und mühsam zur hütte geschleppt werden. also morgens um fünf raus in die kälte der herbstlichen nacht, feuer machen, holznachschub holen. zurück ins bett, bis es einigmaßen warm war.

Blockhaus im Wald

aber das war eigentlich nicht so schlimm, wir haben das als landleben angenommen und genossen.

der zweite mangel war schon ein schlimmerer, kein telefon = kein internet! und nachdem für mich das internet schon damals größte bedeutung hatte, war das schon ein großes problem. na gut strom hatten wir natürlich, also konnte ich am computer arbeiten. ich hatte schon ein paar monate vorher begonnen an meiner homepage zu arbeiten, diese und eine weitere sollte uns in zukunft ernähren.

hahaha, wie sich der kleine hansi das so vorstellt. aber zur erinnerung: das war die zeit, wo es tausende von reichen internetfirmen gab, die vor ein paar monaten mit null angefangen hatten. google, ebay, amazon, gibts sogar heute noch und wie!

also ich hab damals meine zukunft im internet gesehen, das tue ich größtenteils heute noch, nur damals hatte ich noch illusionen vom schnellen zloty und so. jedenfalls brauchte ich dringend einen internetanschluß! glücklicherweise wohnte ein alter freund (mein polnischer betreuer aus der zeit ende der siebziger jahre) etwa auf halben weg nach warschau und der erlaubte mir meinen zweitcomputer bei ihm in seinen büro aufzubauen und ans telefon anzuschließen. da fuhr ich dann zwei- dreimal die woche für ein paar stunden hin um meine schöpfungen ins netz zu bringen und um emails abzurufen, etc. aber das war schon sehr mühsam.

der dritte und letztlich entscheidende mangel war die abgeschiedenheit. was zwar einerseits ein segen war, die ruhe dort war wirklich unheimlich, war andererseits für ein paar großstadtpflanzen schon fast lebensgefährlich.

Unser Asyl innen

bis zu den nächsten bewohnten häuser (abgesehen von logina) war es ungefähr fünf kilometer, die nächste ortschaft war immerhin schon zehn kilometer weit entfernt. an sich keine entfernungen, aber da kam dann die zufahrt als strafverschärfung dazu.

so was kann man sich in der zivilisation nicht vorstellen. die ersten fünf kilometer waren sogar asphaltiert, nur war vom asphalt nicht mehr viel über, vielmehr war das eine ansammlung von schlaglöchern, wie ich sie noch nie gesehen hatte. mehr als schrittfahren war da nicht drinnen, die löcher waren so tief und so viele, daß man ganz langsam durchrumpeln mußte.

aber das war noch das bessere stück! gleich nach den letzten vorhin erwähnten bewohnten häusern begann eine schmale naturstraße, so ein art forstweg. das schlimme war der boden, der aus knietiefen sand mit ein wenig lehm bestand. wenns naß war, war diese strasse ein einziges schlammloch und fast nicht passierbar. da gabs nur eins: mit schwung durch, stehenbleiben war praktisch mit steckenbleiben gleichgesetzt.

wenns trocken war, mußte man auf den erhöhten stellen zwischen den spurrillen balancieren, in den spurrillen gefahren wäre man umgehend mit der bodenwanne aufgesessen. also ganz vorsichtig!

wenns dann länger trocken war, zerfiel das ganze wieder zu einer tiefen sandpiste, die ähnlich wie fall eins zu handhaben war.

dieser weg führte durch dichten wald, so daß rechts und links jede menge bäume sehr nahe waren, wenns dich da geschleudert, dann nicht sehr weit.

jede an- und abfahrt zu oder von unserem asyl war ein abentuer. vor allem, wenn ich allein unterwegs war. zu zweit wars ein bissl leichter, wenn man bei einem volvo von leicht sprechen kann.

Letzte Tage in Polen

die ruhe dort hat mir psychisch sehr gut getan, ich habe mich erholt und nun mußte ich mir gedanken über unsere zukunft machen. einerseits bestand die option in polen zu bleiben, mit unserem werkzeugmaschinengeschäft wars natürlich endgültig vorbei, aber da war noch die möglichkeit mit dem internet auch hier was zu verdienen, hoffte ich.

andererseits lag natürlich die möglichkeit nach österreich zurückzukehren auf der hand. ein anruf informierte mich aber, daß ich wegen meines langen auslandsaufenthaltes mit keinerlei notstands- oder sonstigen hilfen von staatswegen rechnen könnte. daß dies eine böswillige fehlinformation war erfuhr ich erst monate später.

diese falsche information und meine falsche hoffnung bald mit dem internet geld verdienen zu können haben mich zu der falschen entscheidung gebracht, einstweilen in polen zu bleiben. auschlaggebend war auch, daß die kosten für die verdienstfreie zeit, die zu erwarten war, in polen wesentlich geringer waren, als sie in österreich gewesen wären. lebensmittel kosteten damals in polen immer noch einen bruchteil von dem im westen und mietkosten hatten wir auch keine.

also blieben wir noch in polen und das wurde das schlimmste jahr meines lebens.

zunächst hatten wir einen wunderschönen herbst, wären die umstände nicht so schlimm gewesen, wäre es ein schöner urlaub gewesen. doch der schöne herbst ging vorbei und schon mitte november kam der winter mit jeder menge schnee.

waren die strasse schon vorher katastrophal, war sie dann für tage absolut unpassierbar. ich hatte schon überlegt zu fuß ins nächste dorf zu gehen, weil uns schon vieles fehlte, aber das wäre bei den meterhohen verwehungen eine tagesaufgabe gewesen. aber irgendwie haben wir dann ketten fürs auto bekommen und sind dann auf wilden waldwegerln und großem umweg ins nächste dorf zum einkaufen gefahren.

war das schon reichlich abenteuerlich, aber daran zu denken, daß einer von uns krank werden könnte, ließ uns wieder unser quartier wechseln. da mußten wir also wieder unsere koffer packen, weil für eine überwinterung, wars dort wirklich nicht geeignet.

Vladimir_Putin-wird praesidentmein schwiegervater hat eine kleine eineinhalbzimmerwohnung in einem provinzstädtchen ca. 100 kilometer nordöstlich von warschau und er lud uns ein für eine weile bei ihm zu wohnen. das war wirklich sehr großzügig von ihm und ich bin ihm auf ewig dafür dankbar.

daß ich diesen aufenthalt dort nicht so sehr genießen konnte, lag einerseits daran, daß das dort wirklich der arsch der welt war. eine winzige wohnung in der dann drei erwachsene, ein kind und ein großer hund wohnten.

es war ein horror! immer noch arbeitete ich tag und nacht an meinem internetprojekt, immer noch hoffte ich. ich redete mir ein, daß ich das projekt nur fertig machen mußte und dann wäre bald mit entsprechenden einkünften zu rechnen. so kam weihnachten, das nur erträglich war, weil wir ein kleines kind hatten, auch der jahrtausendwechsel war eher triste.

das zusammenleben in der kleinen wohnung war immer unerträglicher, das und ein ereignis das ich noch später schildern werde, brachten uns im frühjahr zu dem entschluß wieder weiter zu ziehen. es zog uns wieder in die nähe des ortes wo wir im herbst waren. dort kannten wir uns schon ein wenig aus, es war in der nähe von warschau und die mieten trotzdem niedrig.

wir mieteten ein kleines haus und vegetierten weiter vor uns hin. inzwischen hatte ich feststellen müssen, daß mein internetprojekt aus unserer situation heraus chancenlos war und ich was anderes suchen mußte.

inzwischen hatte ich auch endgültig die nase voll von polen und wir beschlossen uns in richtung österreich zu bewegen. das dauerte nochmal sechs monate, weil so einfach war das ja auch nicht. wir hatten weniger als kein geld, keine jobs und keine hoffnung schnell welche zu finden, keine wohnung, dafür ein kind und einen großen hund.

in dieser zeit und in den monaten davor mußte ich die hilfe meiner familie intensiv beanspruchen. ich mußte mir geld ausborgen um die zeit in der ich nichts verdiente zu überbrücken. die meinungen darüber, ob dies unverschämt war, gehen auseinander. ich habe geld bekommen, aber wie ich es bekommen habe und wie mich insbesondere meine eltern zu dieser zeit und später behandelt haben, hat mich diese hilfe reichlich büßen und bezahlen lassen. letztendlich hat mich das endgültig von meiner familie entfernt.

abgesehen von der erwähnten finanziellen unterstützung, es waren dies insgesamt ca. 20.000 euro, hatte ich keinerlei hilfe und unterstützung. sechs monate lang hat mein vater mir großartig versprochen, uns eine wohnung zu besorgen und mir einen job, nur heiße luft.

NSC Pre-Brief. Meeting with the Chancellor of Austria. Oval.meine eltern haben ein haus, nicht sehr groß aber doch doppelt so groß wie die wohnung meines schwiegervaters. der hat uns ohne viel umstände einquartiert hat, von meinen eltern kam nie auch nur andeutungsweise eine einladung: „na kommts einmal, die ersten paar wochen könnts ja bei uns wohnen und dann werdn wir schon sehen“

meine eltern sind mit mir 1945 aus berlin nach österreich zurückgekehrt und fanden quartier bei meiner großmutter, was hättn denn die damals ohne diese hilfe gemacht? aber das war längst vergessen.

ab frühjahr 2000 bin ich dann so alle paar wochen nach österreich gefahren um die lage zu sondieren und meine rückkehr mit meiner kleinen familie vorzubereiten.

bald stellte sich heraus, daß mein vater seine tollen beziehungen stark überschätzt hatte und ich das alles selbst in die hand nehmen mußte. das ist ja auch in ordnung, nur von polen aus ist das schwierig und deswegen hatte ich mich vorerst auf meinen vater verlassen.

ich mußte also schnellstens endgültig und dauerhaft nach österreich zurück und so quartierte ich mich im spätsommer bei meinen eltern ein. mich allein haben sie ja gerade noch aufgenommen, aber schön wars trotdem nicht. waren die letzten monate schon ziemlich beschissen, waren die folgenden wochen die absolute hölle. was ich besonders von meiner mutter an bösartigkeit, ja hass erfahren mußte war wirklich unglaublich.

nach kurzer zeit hatte ich einen job gefunden, einen beschissenen job, aber einen job. wenig später hatte ich auch eine wohnung gefunden, eine beschissene kleine wohnung, aber eine wohnung.

Wieder in Wien

jetzt war ich aber mit meinem (geschnorrten) geld am ende und mußte noch einmal ca. 2.000 euro auftreiben. für die kaution der wohnung hauptsächlich und die übersiedlung meiner familie, die ja immer noch in polen war. ich habe meinen vater darum gebeten, aber keine chance. nicht daß ers nicht gehabt hätte, aber er war der meinung „jetzt isses genug, das ist ja ein fass ohne boden“, etc.

letzlich hat mein schwiegervater uns das geld gegeben, ein kleiner beamter, der damals vielleicht 200 euro im monat verdient hat.

jetzt brauchte ich noch ein auto um frau, kind und hund aus polen abzuholen, mit mühe konnte ich meinen vater dazu bewegen mir seins zu borgen.

dann war es endlich so weit, ende september 2000 übersiedelten wir nach wien, nach einem jahr, auf das ich gerne vezichtet hätte.

aber bei so einer familie erspart man sich alle feinde.

wie´s dann weiter ging ist eine andere geschichte.

wien, dezember 2005

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